![]() Verspottung des Andreas Osiander, 1539 |
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Schembartlauf war bis 1539 Teil des Nürnberger Brauchtums an Fastnacht.
Er ist 1449 erstmals belegt und wurde in diesen 90 Jahren 64 oder 65 mal
abgehalten. Der Sage nach wurden die Nürnberger Metzger nach dem
sogenannten Handwerkeraufstand 1348/49 für ihre Treue zum alten Rat mit
dem Privileg belohnt, an Fastnacht einen Zämertanz und Schembartlauf
abzuhalten. Vermutlich ist der Schembartlauf ursprünglich aus der
begleitenden Schutztruppe zum Tanz hervorgegangen, verselbständigte sich
jedoch bald.
Das Wort "Schembart" ist andernorts bereits im 13. Jahrhundert für fratzenhafte Masken belegt; die Nürnberger Karnevalsmasken jedoch waren glatt und bartlos. Die an Fastnacht gegebene Möglichkeit zur phantasievollen Selbstdarstellung nutzte insbesondere die patrizische Jugend, die sich das Recht zur Teilnahme am Schembartlauf bei den Metzgern erkaufte. Immer kostbarer wurden die getragenen Gewänder. Neben die einheitlichen Masken traten Einzelläufer, die z.B. als wilde Männer oder Teufel verkleidet waren. Die Kostüme der Schembartläufer stellten Allegorien von Lastern dar. Noch weitaus stärker griff diese Motive ein mitgeführter Prachtwagen, die sogenannte Hölle, auf. Sie stellte jährlich eine andere Torheit dar und wurde am Ende des Schembartlaufs feierlich verbrannt. Festgehalten sind die Masken und das Treiben in mehr als 80 Schembartbüchern. Die Reformation in Nürnberg brachte nach
dem vorletzten Schembartlauf 1523 dessen abruptes Ende. Wie anderen
geistlichen Spielen an kirchlichen Festtagen standen die Reformatoren dem
Fastnachtstreiben ablehnend gegenüber. In Nürnberg betrieb vor allem
Andreas Osiander (1498-1552) die Abschaffung des Schembartlaufs. Osiander,
seit 1520 als Hebräischlehrer am Nürnberger Augustinerkloster mit
reformatorischem Gedankengut in Berührung gekommen, wurde 1522 Prediger
an St. Lorenz und schließlich das geistliche Haupt der Reformation in
Nürnberg. Nach dem Nürnberger Religionsgespräch 1525, auf dem er der
wichtigste Wortführer der Reformation war, organisierte er das
Nürnberger Kirchenwesen. An der Visitationsordnung 1528 und an der
Nürnberg-Brandenburgischen Kirchenordnung 1533 hatte er maßgeblichen
Anteil. Als sich der Nürnberger Rat 1548 dem Interim unterwarf, verließ
Osiander die Stadt und ging nach Preußen. | |
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| 1539
wurde nach 16jähriger Pause vom Nürnberger Rat ein weiterer
Schembartlauf genehmigt, in dessen Verlauf Andreas Osiander zur
Hauptzielscheibe des Karnevalsspotts wurde. Über den Verlauf dieses
letzten Schembartlaufs sind wir gut unterrichtet: Am 17. 2.1539 fand im
Rathaussaal ein Gesellenstechen - ein Turnier unter den Söhnen der
Nürnberger ratsfähigen Geschlechter - statt, der eigentliche
Schembartlauf am Tag darauf hatte wohl dank der langen Abstinenz mit ca.
150 Teilnehmern die höchste Teilnehmerzahl aller Schembartläufe (bei
früheren nahmen rund 90 Personen teil). Als Hölle wurde ein Schiff
mitgeführt, auf dessen Deck zwischen einem Arzt und einem Astronomen ein
Prediger stand, in den Händen ein Spielbrett (Sinnbild für die Sünde)
und einen Schlüssel. Dieser weist auf Osianders Forderungen nach
Einführung eines evangelischen Kirchenbanns
("Schlüsselgewalt") hin, die die gemäßigtere Richtung der
Reformation und mit ihr die Mehrheit der Nürnberger Ratsherren als zu
radikal ablehnten. Vielleicht war die überraschende Wiederzulassung des
Schembarts bewusst als Chance für eine öffentliche Demonstration der
Gegner Osianders im Rat lanciert worden.
Zumindest wurden die Anspielungen verstanden. Osiander beschwerte sich heftig beim Rat, und auch Luther verurteilte im fernen Wittenberg die Angriffe auf Evangelium und Predigt. Der Rat verbot daraufhin den Schembartlauf für immer und belegte die Schembarthauptleute - immerhin Mitglieder des Rats - mit der Turmstrafe. Vor Osianders Haus kam es zu tumultartigen Zusammenrottungen des Nürnberger Volks. Text nach Dr. M. Diefenbacher | |